Zu weit gegangen.

Ich habe Señor Enano noch nie so wütend erlebt.

Schuld daran war Judith. Wir mussten Kurzvorträge über die comunidades autónomas halten, jeder über eine. Ich habe meinen Vortrag über das Baskenland als Erste gehalten. Heute waren Ilvy und eben Judith dran. Ilvy mit Extremadura und Judith mit Cataluña, also Katalonien. Judith war die Erste der Beiden. Sie schlug sich recht wacker, bis Señor Enano sie verbesserte. Das macht er bei jedem, natürlich, denn es ist ja seine Aufgabe, uns Spanisch richtig beizubringen. Bei Vorträgen hält er sich damit auch zurück und greift nur bei groben Fehlern ein. Aber das auch bei jedem. Das hat er auch bei mir gemacht.

Auf diese Verbesserungen reagierte Judith schon empfindlich und meinte zu Señor Enano, dass er sie doch bitte nicht unterbrechen solle. So führte Judith dann ihren Vortrag auch zu Ende. Als dann eine Nachfrage kam, nämlich die, was „árabe“ denn sei, er habe das nicht ganz verstanden (von Ilai), kam es zu der Vorstufe des größten Wutausbruchs von Señor Enano bisher… Aber der Reihe nach.

Judith sollte anworten. Auf Spanisch. Sie fragte, ob sie es nicht auf Deutsch machen könne und Señor Enano meinte (auf Spanisch), dass sie es doch probieren sollte. Da kam dann, mit einer kurzen Pause, während der Judith auf ihre Karteikarten guckte, von ihr ein genervtes „Oah, Macker!“.

Señor Enano bezog das auf sich und regte sich ziemlich darüber auf. Judith entgegnete, dass sie es nicht gut fände, vor dem Kurs so heruntergemacht zu werden und dass Señor Enano ja nicht die ganze Zeit sagen müsste, wie schlecht sie sei (hat er eigentlich gar nicht, aber gut…). Dann antwortete sie auf Ilais Frage und das mit ziemlicher Unkenntnis und somit auch falschen Antworten. Unter anderem verwechselte sie erst Andorra mit Aragón und behauptete dann, dass in Aragón Arabisch gesprochen würde (natürlich wird da Spanisch gesprochen). Das verbesserte Señor Enano wieder, woraufhin Judith sich darüber aufregte und meinte, dass sie das ja nicht alleine gemacht hätte, dass sie das alles hätte gegenlesen lassen und so weiter. Dass das so im Internet stünde und sie es so herausgefunden habe…

Aber das alles war noch harmlos. Relativ.

Judith setzte sich hin (sie saß direkt hinter mir) und begann zu weinen.

Señor Enano meinte zu ihr, dass er es nicht in Ordnung fände, dass sie jetzt weine, weil er ja nur sachliche Kritik geäußert habe.

Jedenfalls ging dann die Stunde weiter und ich hörte die ganze Zeit das Schluchzen hinter mir. Ein ziemlich doofes Gefühl, muss ich sagen.

Ilvy hielt ihren Vortrag, las dabei aber etwas von ihren vorbereiteten Zetteln ab, was Señor Enano kritisierte und anregte, für das nächste Mal doch ein Plakat zu machen und sich dadurch die Redeanregungen zu holen.

Da meldete sich Judith zu Wort, sie hätte ja gestern Abend kein Plakat mehr kaufen können, weil sie ja mit ihrem Musikkurs weggewesen sei und erst um zwei Uhr nachts nach Hause gekommen sei und sich dann noch hingesetzt hätte, um ihr Referat zu machen. Eigentlich hätte sie das ja mit Powerpoint machen wollen und hätte Señor Enano deswegen auch gestern noch eine E-Mail geschickt…

Gestern. Gestern.

Dass wir Vorträge halten sollen, wissen wir seit einem Monat. Warum „musste“ sie das dann gestern machen?

Dann diskutierten Señor Enano und sie miteinander. Darüber, dass sie sich heruntergemacht fühle und ungerecht behandelt und dass sie eben ein Problem mit Spanisch habe. Dass sie es gemein fände, wenn er sie direkt auf ihre Fehler hinweist, das könnte man ja auch nach dem Vortrag machen. So etwas eben.

Señor Enano konterte damit, dass er meinte, sie könne das Referat gerne noch einmal mit der Powerpoint machen, das sei kein Problem. Und dass die Sätze, so wie Judith sie gebildet hatte eben keinen Sinn ergeben hätten. Und dass er ja nur bei den drei schwerwiegendsten Fehlern eingegriffen hätte und nicht bei den fünfundzwanizig anderen.

Das kam natürlich bei Judith extrem schlecht an und sie beschwerte sich, dass er sie vor der ganzen Klasse bloßstellen würde und sagen wolle, dass sie voll schlecht sei, worauf Señor Enano sie darauf hinwies, dass sie es doch gerade provoziere.

Sie meinte, sie wolle sich nicht mit ihm streiten, aber … Er sagte, dass sie es gerade tue.

Und dann irgendwann kam der Punkt, an dem sie etwas sagte und er anfing, etwas zu erwidern und sie ihm dann ins Wort fiel. Señor Enano rastete aus.

„Jetzt halt doch mal den Mund, Judith! Ich will jetzt kein Wort mehr von dir hören! RAUS! Geh nach Hause!“

Seine Hände zitterten extrem stark vor Wut, während er dies schrie. Judith setzte zu einer Erwiderung an, doch brachte nur ein paar Worte heraus, ehe Señor Enano reagierte.

„Raus! Und jetzt kein Wort mehr, sonst zieht das noch einen blauen, grünen oder gelben Zettel nach sich!“

Ein solcher Zettel ist eine Benachrichtigung an die Eltern. Drei davon und du riskierst einen Schulverweis oder zumindest eine Suspension vom Unterricht.

Jetzt setzte Judith dazu an, sich zu entschuldigen, doch Señor Enano hörte ihr nicht mehr zu.

„RAUS!“

Und Judith ging mit den Worten „Wie kann man nur so herzlos sein?!“ und knallte die Tür hinter sich zu. Wir hörten, wie sie draußen anfing, zu schluchzen. Es klang jämmerlich.

Señor Enano schien beinahe neben sich zu stehen. Er hielt uns übrigen Schülern noch kurz eine Predigt, dass er so etwas nicht dulden könne, auch wenn es mit noch so viel Weinen einherginge. Dann beendete er den Unterricht mit den Worten:

„Die Vorstellung für heute ist vorbei.“

Auf der Treppe im Eingangsbereich fanden wir Judith dann, völlig aufgelöst. Wir versuchten dann ein wenig, sie zu trösten, sie zur Vernunft zu bringen, denn das wäre ja alles nicht passiert, wenn sie nicht unbedingt so mit ihm hätte diskutieren wollen. Ilvy, Tahmid und Lena gingen zu Señor Enano, um mit ihm darüber zu sprechen, Federica, Solange und ich blieben bei Judith.

Ich glaube nicht, dass Señor Enano sehr nachtragend ist. Er meinte, es sei für ihn nun abgehakt und hat sogar das Angebot erneuert, dass Judith ihren Vortrag noch einmal mit Powerpoint halten dürfe. Das ist doch echt nett von ihm, oder?

Trotzdem… Die Situation war furchtbar…

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Lehrer, Muffins Schulzeit, Schüler, Schulkram

5 Antworten zu “Zu weit gegangen.

  1. oh je, das klingt ja nicht so toll… 😦
    Wobei, irgendwo kann ich euren Lehrer verstehen – gut, seine Reaktion am Ende war natürlich nicht der Renner, aber es ist auch allgemein ein bisschen unklug gewesen, das vor versammelter Mannschaft auszudiskutieren… da gehen beide sofort in Verteidigungshaltung

    • Da hast du recht.
      Unser Lehrer hat ja bis zuletzt versucht, ruhig zu bleiben, aber dann ging es eben nicht mehr… Traurig, aber nicht zu ändern. Das ist eben menschlich.
      Ich kann beide Standpunkte nachvollziehen und hoffe einfach, dass es keine Folgen haben wird. Das wäre schade..

  2. Hmmh…
    Sollte so nicht vorkommen, auch von seiten des Lehrers.

  3. Wie erstaunlich, dass er ihr das nach all dem gestattet. Die Art den Unterricht zu beenden finde ich sehr krass, fast traurig wirken auf mich diese Worte.
    Judiths Verhalten lasse ich lieber unkommentiert.

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