Erzählen

Wir stehen zu viert vor dem Politikraum, die anderen aus unserem Kurs sind damit beschäftigt, eine Deutschklausur zu schreiben (über Büchners Woyzeck – hatten wir auch schon. Vor ein paar Monaten.). Die sind nämlich alle im Deutschgrundkurs. Was ja auch schon verrät, mit wem ich denn da vor unserem Raum herumstehe: Lorena, Timon und Anouk.

Die aus dem Jahrgang über uns machen gerade ihre Leistungskursgruppenfotos. Frau Schick dirigiert zwei Jungs in die erste Reihe, die sich natürlich gleich vor sie stellen – und diese Jungs sind groß. Da helfen ihr nicht einmal ihre hohen Absätze. Also muss da was verändert werden. Das dauert alles so seine Zeit und wir betrachten das mit großer (*hust*) Anteilnahme und natürlich ooohne uns darüber lustig zu machen. Würden wir ja nie tun.

Mr. Suit ist der eine Deutschleistungskurslehrer des Jahrgangs über uns und steht deshalb noch abwartend da herum, damit sein Leistungskursgruppenfoto mit ihm vollständig wird. Lorena dann gleich „Einen Euro für Sie, wenn Sie da gleich ins Bild springen.“

Er hat’s nicht gemacht – schade, hätte ich lustig gefunden 😀

Irgendwann ist auch diese Fotosession vorbei und Mr. Suit schenkt uns seine Aufmerksamkeit.

„So wenig heute?“, fragt er erstaunt. Wir nicken und erklären ihm, dass die anderen eine Klausur schreiben (die Klausurschreibezeiten muss er doch genehmigen?! Warum fragt er dann überhaupt?) und lassen beiläufig die Information einfließen, dass unserer späterer Matheunterricht ja ausfallen würde, ob wir nicht Politik einfach ausfallen lassen könnten.

Er geht darauf nicht ein, schließt die Tür auf und sagt: „So, ihr geht jetzt da mal hinein und setzt euch nach vorne. Ich will euch etwas erzählen.“

Wir fügen uns in unser Schicksal und setzen uns an die vier Tische direkt vor dem Lehrerpult.

Mr. Suit beginnt.

„Also, die Klausuren bekommt ihr nicht wieder, weil ich in den Osterferien umgezogen bin.“

Soweit ist alles noch ganz normal, doch jetzt nimmt es die üblichen Ausmaße an. Wir werden detailliert darüber in Kenntnis gesetzt, dass Mr. Suit sich ein neues Bad, ein neues Wohnzimmer und eine neue Küche gekauft hat, wann genau er umgezogen ist, dass er jetzt eine Sauna im Keller hat, wie groß sein neues Wohnzimmer ist, wie viele Leute ihm beim Umzug geholfen haben und wie lange professionelle Kräfte gebraucht haben, um das genannte neue Wohnzimmer aufzubauen (vier Stunden. Und aufzählen, was in seinem Wohnzimmer rumsteht, kann ich jetzt auch).

Irgendwann kommt ein Lehrer herein, mit einem Kurs aus dem Jahrgang unter uns. Sie sind auf Raumsuche. Mr. Suit fragt, ob es der „kleine Kurs“ sei. Der Lehrer bejaht, das sei der mit den 18 Schülern. Ich frage ungläubig nach („Und das ist der KLEINE Kurs?“), immerhin sind meine Kurse fast alle kleiner.

Jedenfalls wird der kleine Kurs samt Lehrer weggesschickt (wohlgemerkt aus einem Raum, in dem sich vier Schüler und ein Lehrer aufhalten. Von denen keiner auch nur Anstalten gemacht hat, irgendetwas auszupacken.).

Kurz darauf wird Mr. Suits spannende Erzählung erneut unterbrochen. Diesmal durch unsere Schulleiterin. Diese steckt den Kopf in den Klassenraum, sieht sich um und fängt erst einmal an zu lachen. Zu lachen! Unsere Schulleiterin!

Sie fragt, ob sie sich Mr. Suit für zwei Minuten ausleihen dürfe. Gnädigerweise gestatten wir ihr das, obwohl es uns natürlich zwei Minuten der kostbaren Erzählzeit kosten würde.

Kaum sind die beiden draußen, spricht Lorena.

„Das ist das erste Mal, dass ich sie hab lachen hören! So mit Ton und so.“

Ein einschneidendes Erlebnis, in der Tat.

Wir vier unterhalten uns eine Weile und nach zwei Minuten bietet Lorena Timon einen Euro dafür, dass er zur Schulleiterin geht und ihr mitteilt, dass die zwei Minuten um sind. Er will nicht. Schade aber auch.

Es dauert noch ein wenig, bis Mr. Suit zurückkommt. Dann aber erzählt er uns endlich etwas Sinnvolles: Wichtige organisatorische Dinge. Kurz und knapp und mit nur ganz ganz wenig Geläster über den anderen Deutschleistungskurs. Dann dürfen wir gehen.

Endlich.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Lehrer, Muffins Schulzeit, Schüler, Schulkram

3 Antworten zu “Erzählen

  1. Uh, Herr Kairos in professionell? ;D
    (du hattest schon wieder Schule? o.O)

  2. Maan sollte ihm das Gehalt um diese Stunde kürzen.

    • Dann wäre es ja nur halb so unterhaltsam bei ihm. Und wir würden nicht seine ganze Lebensgeschichte kennen… Da kann ich was von erzählen, ich könnte ein Buch über ihn schreiben 😀

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